Sascha Kröner - Eloqfant

Eloqfant

von Sascha Kröner

Coulrophobie... Rudi kniff die Augen zusammen und ließ sich das ungewöhnliche Wort noch einmal durch den Kopf gehen. Glücklicherweise hatte er einen besonders großen Kopf, in den besonders viele Wörter passten – darunter auch seltene Worte wie Coulrophobie. Fremdwörter abzuspeichern, war gewissermaßen seine Passion, und weil er riesige Ohren hatte, schnappte er regelmäßig neue Begriffe auf. Eloquent nannte man das wohl – auch so eines seiner Lieblingswörter. Doch kein Begriff beschäftigte ihn derzeit so sehr wie Coulrophobie. Das Wort bezeichnet die krankhafte Angst vor Clowns – ein Konzept, das aus Rudis Sicht überhaupt keinen Sinn machte. Was sollte krank daran sein, die rotnasigen Teufel zu fürchten? Wie Echsenmenschen watschelten sie mit ihren absonderlich großen Füßen umher, stets darauf lauernd, irgendein lärmendes Folterwerkzeug aus ihren bunten Jacken zu ziehen. Nein, den weißgesichtigen Monstern aus dem Weg zu gehen, war das Normalste auf der ganzen Welt. Leider schaffte es Rudi kaum, den von ihm angestrebten Mindestabstand einzuhalten. Das Problem bestand darin, dass er im Zirkus Pompini lebte und jeden Abend nach der Clownsnummer in die Manege musste. Alle Versuche, dem übrigen Personal seine Unzufriedenheit zu vermitteln, waren bisher vergeblich geblieben, was sicherlich auch damit zusammenhing, dass Rudi ein acht Tonnen schwerer afrikanischer Elefant war.

 

Vorsichtig schob er den Vorhang mit seinem Rüssel einige Zentimeter zur Seite. In der Manege bot sich die täglich gleiche Groteske. Aus einem winzigen gelben Auto ergoss sich eine endlos scheinende Flut bunter Gestalten, eine furchteinflößender als die vorherige. Während die Zuschauer naiv vor sich hin kicherten, wuchs die alberne Horde, die sich aus den Türen des Clown-Autos quetschte Sekunde um Sekunde. Er sah Blinki, Klinki, Winki, Stinki, Pinki, Hinki, Flinki, Linki, Trinki und Rolf. Rolf war mit Abstand der Schlimmste von allen. Während die anderen Grimassenschneider ihren Wahnsinn offen zur Schau trugen, verzichtete der Clown mit dem spitzen Hut auf die markante rote Nase. Statt verräterischer bunter Klamotten trug er eine schwarz-weiß karierte Bluse, an deren Kragen eine schwarze Blume wucherte. Doch Rudi würde sich nicht täuschen lassen. Wahrscheinlich versprühten die künstlichen Blüten auf Knopfdruck Salzsäure. Hinzu kam, dass Rolf nach Zigarren und billigem Whiskey stank und seine Mundwinkel immer in Richtung Boden zeigten. Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass der Außenseiter nie redete. Rudi schauderte. Welch Idiosynkrasie. Die Momente, in denen er nur wenige Meter entfernt von den geschminkten Freaks auf seinen Auftritt wartete, waren seine persönliche Hölle – auch wenn das theologische Konzept von Himmel und Hölle für Elefanten keine wirkliche Bedeutung hatte. Das Bedürfnis nach religiösen Erzählungen war unter Dickhäutern einfach nicht sonderlich ausgeprägt. Vermutlich hatte es damit zu tun, dass Rudis Vorfahren in der Savanne kaum natürliche Feinde zu fürchten hatten. Es konnte aber auch daran liegen, dass sich Elefanten nur sehr umständlich an Kreuze nageln lassen.

„Na, da freut sich aber mal wieder jemand auf seinen Auftritt“ Die vertraute Stimme riss Rudi aus seinen philosophischen Gedanken. Frederico Pompini, Zirkusdirektor dritter Generation und Ausbeuter erster Güte, hatte sich von der Seite angeschlichen und verpasste dem Elefanten einen Klaps auf den Hintern. Dann zupfte er das zwei Nummern zu kleine Safari-Outfit zurecht, in das er sich jeden Abend vor Rudis Auftritt zwängte. Der kleine Mann hatte offensichtlich ebenso wenig Sinn für das eigene Erscheinungsbild wie er Gespür für die Stimmungen von Elefanten hatte. Zumindest was die häufigen Fehleinschätzungen in Bezug auf seine Laune betraf, verfolgte Rudi mittlerweile eine vielversprechende Theorie: Er ging davon aus, dass es den meisten Menschen unmöglich war, unterschiedliche Gesichtsausdrücke von Elefanten zu deuten. Aus irgendeinem Grund schien jeder, dem er begegnete, zu denken, dass er ständig lächele.

„Gleich geht’s los, mein Dickerchen“, grunzte der Direktor und knuffte ihn mit der zusammengerollten Peitsche in die Seite. In der Manege bildeten die Clowns gerade eine menschliche Pyramide – das große Finale ihrer Nummer. Nur Rolf stand am Boden und starrte zu ihnen herüber. Rudi zog ein grimmiges Gesicht. Er fürchtete die undurchsichtigen Komiker, doch für Monsieur Pompini hatte der Elefant nur Verachtung übrig. Er war sich ziemlich sicher, dass die Tierhaltung im Zirkus zumindest ethisch, wahrscheinlich aber sogar juristisch, fragwürdig war. Wusste der kleine Mann dies nicht? Und warum bezahlte überhaupt jemand für seinen Auftritt? Pompini ließ ihn vor den Augen der Zuschauer mit dem Fuß auf ein Fass stampfen, um bis fünf zu zählen. Absurd. Meist nutzte Rudi die gedankliche Auszeit, um im Geist den prozentualen Anteil an Kindern in Publikum zu ermitteln oder die Grundfläche des Zeltes zu schätzen. Die Nummer war dermaßen unter seinem Niveau. Und auch das Futter war schon mal besser gewesen. Deshalb hatte Rudi einen Entschluss gefasst: Er würde sein Schicksal nun selbst in den Rüssel nehmen und dem Zirkusgeschäft den Rücken kehren. Endgültig. In diesem Bewusstsein trat Rudi durch den Vorhang ins Rampenlicht, um ein letztes Mal alles zu geben. Er zählte zweimal bis sieben und einmal bis zehn. Das Publikum war völlig aus dem Häuschen.

 

Die Sonne stand bereits mitten am Himmel, als Rudi am nächsten Tag ins Freie trottete. Ein metallisches Klimpern begleitete jeden seiner Schritte. Auslöser war eine massive Eisenkette – der ständige Begleiter an seinem rechten Hinterbein, mit dem man ihn tagsüber aus seinem Wagen ließ. Er war fest davon überzeugt, dass Monsieur Pompini nicht aus reiner Zuneigung auf seinen Auslauf achtete. Viel wahrscheinlicher war es, dass der Direktor ihm etwas Bewegungsfreiheit einräumte, um Personal einzusparen. An der Kette konnte Rudi schließlich selbst bis zum Futterplatz und zur Wasserstelle laufen und sich bedienen. „Welch Ironie“, dachte sich der kluge Elefant. Seine Freiheit endete am Eingang des Wagenplatzes. Nachdem er herausgefunden hatte, dass sich ein Briefkasten in seinem Radius befand, beschloss er vor einer Woche, mit einer Nachricht auf sich aufmerksam zu machen. Die Polizei sollte erfahren, dass die Haltung von Zirkuselefanten nicht in Ordnung ist. Allerdings musste sich Rudi trotz seines Faibles für schöne Worte schnell eingestehen, dass Briefe schreiben nicht zu seinen größten Stärken zählt. Legasthenie war ein hartes Wort, über das er ungern nachdachte. Fakt war jedoch, dass er all die wohl klingenden Worte in seinem Kopf nur mit den Ohren aufgenommen und nie gelesen hatte. Und dann war da noch die Sache mit der Briefmarke. Der winzige Papierschnipsel, den er sich aus dem Wagen von Madame Vertigo ausborgte, war einfach nicht für acht Tonnen schwere Dickhäuter gemacht. Alles, was von der Marke übrig blieb, war ein angenehm salziger Geschmack.

All dies brachte ihn zu der Einsicht, dass er sich wenig Hoffnung auf Hilfe von außerhalb zu machen brauchte. Wenn er die Kette, die zwischen ihm und der Freiheit hing, loswerden wollte, musste er wohl im Zirkus nach Unterstützung suchen.

 

Als einziger afrikanischer Elefant war Rudi auf dem Wagenplatz nicht gerade leicht zu übersehen. Die Zirkusbewohner, auf deren Hilfe er gebaut hatte, schafften es dennoch erstaunlich gut, ihn zu ignorieren. „Deplorabel“, fand der Dickhäuter. Zunächst versuchte er sein Glück bei Vladi dem Gewichtheber. Das Kraftpaket war das abschreckende Beispiel dafür, was passiert, wenn Muskeln einen Körper haben. Rudi hatte schon länger den Eindruck, dass der quadratische Artist nicht das hellste Mitglied der Zirkusfamilie war. Als er versuchte, Vladi davon zu überzeugen, die Kette zu zerreißen, war der menschliche Gorilla gerade damit beschäftigt, Eisenstangen mit den Zähnen zu verbiegen. Eine ähnlich große Hilfe war Mystico der Magier. Der Elefant hatte den Illusionisten scheinbar beim Training mit seiner Assistentin überrascht. Zumindest drangen Geräusche aus dem Wagen, die nahe legten, dass der Zauberer gerade daran arbeitet, die Frau zu zersägen. Rudi entschloss sich, nicht anzuklopfen.

 

Nach zwei Stunden war Rudis mentale Liste so gut wie erschöpft. Als er völlig frustriert, vor dem Zelt von Lady Fortuna stoppte, schenkte ihm die Wahrsagerin einen Apfel, weil er so nett lächele... Es war skurril. Und die Kette schleifte immer noch unversehrt über den Boden und schien ihn mit jedem Scheppern zu verhöhnen. Die letzte Anlaufstelle, die ihm blieb, war der Wagen von Direktor Pompini – ein monströses Gefährt, das sich in der hintersten Ecke des Platzes versteckte. Der Zirkuschef war scheinbar nicht sonderlich scharf darauf, anderen Menschen über den Weg zu laufen. Und Elefanten offensichtlich auch nicht, wie Rudi im nächsten Moment feststellte. Kurz bevor er den protzigen Wohnwagen erreichte, wurde er ruckartig ausgebremst und zurück gerissen. „Verfickte Affenscheiße“, schoss es Rudi durch seinen dicken Schädel. Neben all den schlauen Worten, die er schätzte, hatte er hin und wieder auch die Zeltbauer bei der Arbeit belauscht.

Das Domizil von Monsieur Pompini – ein im Stil eines alten Jahrmarktwagens gehaltener Anhänger mit geschnitzten Holzverzierungen – war nur etwa eine Rüssellänge entfernt. Viel mehr gab die gespannte Kette nicht mehr her. Rudi reckte und streckte sich, so dass sei angebundenes Bein hinter ihm in der Luft hing. Jetzt kam er gerade so weit an den Wagen heran, dass er die Tür mit seinem Riechorgan erreichen konnte. Er klopfte an. 

Es brauchte keinen ausgeprägten Spürsinn, um zu ahnen, dass der Bewohner des Wagens nicht mit Besuch gerechnet hatte. Rudi hörte das Klirren von Glas, dann ein unterdrücktes Fluchen, einen umfallenden Stuhl, das Klappern mehrerer Schranktüren, Schritte, ein Knirschen – so als ob Glasscherben am Boden zertreten werden, gefolgt von einem etwas lauteren Fluchen, einen Deckel, der zugeschlagen wurde, und ein Kratzen, das sich verdächtig danach anhörte, als schiebe jemand einen schweren Gegenstand über den Boden. Dann gab es eine kurze Pause. Die Tür öffnete sich langsam. Rudi konnte die schmalen Augen von Monsieur Pompini erkennen, die ihm durch den Spalt entgegen starrten. Als der Direktor den Elefanten erblickte, schien er erleichtert aufzuatmen.

„Maria Magdalena Heilige Mutter Gottes! Willst du mich zu Tode erschrecken?“ Nachdem er sich vergewissert hatte, dass sonst niemand draußen stand, öffnete Pompini die Tür etwas weiter. Der Innenraum, der hinter dem kleinen Mann zum Vorschein kam, war das komplette Gegenteil der rustikalen Außengestaltung. Rudi blickte auf moderne Wandschränke mit Goldgriffen, einen riesigen Flachbildschirm und eine Couch-Ecke, die etwa ein Drittel des Raums ausmachte. Hinter dem Sofa schaute eine offensichtlich schlecht versteckte Truhe heraus, vor der einige Geldscheine verstreut lagen. „Hier gibt es nichts für dich zu fressen. Blöder Elefant“, schnaubte Frederico Pompini.

Gerade als der Direktor die Tür wieder schließen wollte, stoppte ihn Rudi mit seinem Rüssel. Er erinnerte sich an eine Fernsehsendung über das Morsealphabet, die er durch das geöffnete Fenster von Madame Vertigos Wagen verfolgt hatte. Es ging doch nichts über ein gutes Elefanten-Gedächtnis. „Hiermit verkünde ich, dass ich ihr Etablissement verlasse“, trompetete er Buchstabe für Buchstabe – mal kurz, mal lang. Vor lauter Verwunderung angesichts des offensichtlich schwer erkälteten Elefanten vergaß Pompini, dass er gerade noch die Tür schließen wollte. Rudi nutzte die Aufmerksamkeit, um seiner Position Nachdruck zu verleihen: „Juristisch wird die Haltung von Wildtieren in Wanderzirkussen äußerst kontrovers betrachtet“, fügte er hinzu. Anschließend setzte er seine ernsteste Miene auf.

„Was lächelst du mich denn jetzt so dämlich an?“ Der Direktor zog die Augenbrauen zusammen. „Keine Ahnung, was in dich beklopptes Vieh gefahren ist, aber hier hast du nichts verloren. Wir werden wohl morgen deine Kette kürzen müssen.“

Rudi konnte es nicht fassen. Er hatte sich doch klar und deutlich ausgedrückt und war stets sachlich geblieben. Nun schien man auch seinen letzten Versuch, Freiheit zu erlangen, einfach zu ignorieren. Gerade wollte er zum energischen Protest ansetzen, da stotterten plötzlich Motorengeräusche über den Platz. Zwei Streifenwagen rollten auf Pompinis Domizil zu, vor dessen Tür der Direktor nun unruhig von einem Bein auf das andere trat. Als sich die Türen des vorderen Polizeiautos öffneten, setzte der Direktor sein freundlichstes Grinsen auf, das er normalerweise für das Finale der Samstagabend-Show reserviert hatte. „Willkommen im Zirkus Pompini“, grüßte er etwas zu künstlich.

Die Polizeibeamtin auf dem Beifahrersitz des ersten Wagens war bereits ausgestiegen und wartete darauf, dass ihr Kollege seinen beeindruckenden Bauch am Lenkrad vorbeiquetschte. „So, so“, murmelte der Polizist immer wieder und ruckelte sich wie ein untalentierter Limbotänzer aus dem Wagen. „So, so.“ Nach einer gefühlten Ewigkeit war er schließlich frei und strich seine Uniform glatt. Der Polizist musterte Rudi von oben bis unten, bevor er sich Monsieur Pompini zuwandte. „So, so, sind sie derjenige der hier das Sagen hat?“

„In der Tat. Sie sprechen mit Frederico Pompini III., Legende der Manege, Sohn von Francesco...“

„So, so. Ich bin Hauptkommissar Hans Hauruck, und das ist meine Kollegin Kommissarin Karla Kleinholz.“ Ohne die Ansprache des Direktors weiter abzuwarten, zückte der Polizist ein fleckiges Blatt Papier und hielt es Pompini unter die Nase. „Einer ihrer Mitarbeiter hat uns mit dieser Nachricht kontaktiert.“

„Ohne Briefmarke“, fügte seine Kollegin streng hinzu.

Der Direktor kniff die Augen zusammen und begann zögerlich zu lesen. „Elfaand is nict oke.“ Rudis Dickhäuterherz fing an, aufgeregt zu Pumpen. Das war sein Brief – die Nachricht, die er vor einer Woche abgeschickt hatte. Die Polizei hatte seinen Hilferuf also doch erhalten, und jetzt waren sie gekommen, um ihn aus der Gefangenschaft zu befreien. Dankbar schnaufte und trötete er, während Pompinis Augen noch über das Blatt wanderten. „Was hat das zu bedeuten?“, wollte der Zirkuschef wissen.

„Nun, vielleicht ein Hinweis, der uns darauf aufmerksam machen sollte, dass etwas mit der Haltung ihres Elefanten nicht okay ist.“ Rudi jubelte innerlich.

„Unmöglich“, stammelte Frederico Pompini. „Sie sehen doch, wie glücklich unser Rudi aussieht. Der bekommt täglich ganz viel Auslauf, und natürlich das beste Kraftfutter...“

„So, so. Sie wollen mich wohl für dumm verkaufen“, unterbrach Hauruck. „Was interessiert mich denn der dämliche Elefant?“ Pompini zögerte mit verwirrtem Gesichtsausdruck. Rudi entfuhr ein empörtes Tröten. „Sie merken ja wohl selbst, dass etwas an dieser Nachricht stinkt“, setzte der Beamte fort und ging auf den Zirkusdirektor zu. „Elfaand is nict oke“, wiederholte er. „Wer das geschrieben hat, spricht ja wohl offensichtlich nicht unsere Sprache. Wir haben den begründeten Verdacht, dass sie in ihrem Zirkus illegale Schwarzarbeiter aus dem Ausland beschäftigen, und Sie werden uns die betroffenen Personen sofort nennen.“

„Schwarz... aber nein, da wird es sich doch ganz sicherlich um ein Missverständnis handeln.“ Pompini wich zurück und zwinkerte mit dem linken Auge in Richtung einiger Zeltbauer, die sich betont unauffällig aus dem Staub machten. Drei weitere Polizisten, die im zweiten Wagen gewartet hatten, stiegen nun ebenfalls aus und bildeten mit ihren Kollegen einen Halbkreis um den Wohnwagen des Zirkusdirektors.

„Wir haben einen Durchsuchungsbefehl“, verkündete Hauptkommissar Hauruck nicht ohne einen Anflug von Stolz. „Aber vielleicht könne wir uns ja auch auf anderem Wege einig werden. Sie verstehen?“

Mittlerweile hatten sich sämtliche Aktive des Zirkus in der hinteren Ecke des Geländes versammelt – neugierig, was dort Außergewöhnliches vor sich ging. Seiltänzer hockten auf den angrenzenden Laternen, Vladi stützte sich auf eine verbogene Eisenstange, und selbst Mystico stand in Unterhosen hinter einer Mülltonne. Nur Rudi interessierte das alles nicht mehr. Frustriert, dass ihn niemand ernst zu nehmen schien, stapfte der kluge Elefant zurück in Richtung seines Wagens. Der Eingangsbereich des Geländes wirkte wie ausgestorben. Er würde sich einfach hinlegen und hoffen, dass Madame Vertigos Fernseher lief. Mit etwas Glück konnte er vor dem Einschlafen wenigstens noch ein paar schöne neue Wörter aufsaugen. Gerade als er sich dem Schlafplatz näherte, spürte Rudi einen Widerstand an seinem Bein. Irgendjemand rüttelte an seiner Kette. Noch bevor er sich umdrehte, nahm der Elefant einen vertrauten Geruch wahr. Auch das noch... Das Bouquet von alten Zigarren und billigem Whiskey lag in der Luft. Dann sah er ihn vor dem Eingang des Zirkuszeltes stehen: Rolf wartete neben dem winzigen Auto der Clown-Sippe und bewegte beide Hände, so als ob er Rudi an einem unsichtbaren Lasso zu sich ziehe. Der Elefant war zu erschöpft, um sich zu fürchten. Wenn der schwarz-weiße Teufel einen Kampf wollte, dann sollte er ihn kriegen. Er drehte um und stampfte zielstrebig auf seinen geschminkten Antagonisten zu. Kurz bevor er das gelbe Auto erreichte, signalisierte ihm Rolf mit einer ausgestreckten Handfläche, stehen zu bleiben. Zunächst dachte Rudi, der Clown wolle vor ihm auf die Knie fallen. Der Geschminkte beugte sich jedoch nur so weit nach vorne, dass er eine Flüssigkeit aus seiner schwarzen Blume auf Rudis Fußfessel spritzen konnte. Zischend und fauchend begann sich das Metall aufzulösen. Eindeutig Salzsäure. Rolf richtete sich auf und schüttelte Rudis Rüssel. Erst jetzt erkannte der Dickhäuter, dass die traurigen Mundwinkel im Gesicht des Clowns nur aufgemalt waren. Unter der Farbe lächelte sein Gegenüber. Und Rudi lächelte zum ersten Mal an diesem Tag zurück. Als Rolf zur Fahrerseite des winzigen Fahrzeugs lief und ihm signalisierte, die Hintertür zu öffnen, zögerte er nicht. Aufgrund des Trubels um Direktor Pompini war die Ausfahrt des Geländes völlig unbeobachtet. Rudi ignorierte die Tatsache, dass afrikanische Elefanten normalerweise nicht in Personenwagen passen, und stieg einfach ein.

Sein Staunen hielt noch bis in den späten Abend an. Während sie aus der Stadt herausfuhren, musste sich Rudi eingestehen, dass er sich in Rolf getäuscht hatte. Der Mann hatte einen formidabelen Sinn für Humor. Am meisten verblüffte ihn jedoch, die Erkenntnis wie das Innere eines Clown-Autos tatsächlich funktioniert.

 

 

Sascha Kröner wurde 1980 in Frankfurt-Höchst geboren. Er lebt noch immer im Rhein-Main-Gebiet zwischen Frankfurt am Main und Wiesbaden. In jungen Jahren standen vor allem fantastische und humorvolle Bücher in seinem Regal. Die Werke von Douglas Adams und Terry Pratchett hatten es ihm angetan. Nach dem Abitur träumte er davon, selbst Romane zu veröffentlichen, setzte sein Interesse am Schreiben jedoch zunächst in anderer Form um. Während eines Studiums der Politologie, Geschichte und Anglistik absolvierte er ein Praktikum bei einer lokalen Tageszeitung. Nach dem Studienabschluss hat er das Schreiben als Freier Journalist zu seinem Beruf gemacht. An der Tätigkeit reizt ihn vor allem die Vielfalt an Menschen und Themen, mit denen er es zu tun bekommt. In seiner Freizeit engagiert er sich ehrenamtlich bei der Durchführung von Rock-Konzerten und Festivals. Als ihm das Schreiben für die Presse nicht mehr ausreichte, besann er sich vor einigen Jahren auf sein ursprüngliches Interesse und begann damit, Kurzgeschichten zu verfassen.

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