Michael Feldhofer - Der Spinnenstreik

Der Spinnenstreik

von Michael Feldhofer

»AAAAAAH! Eine Spinne!« (Patsch! Patsch! Patsch!), war das Letzte, was Corinna Radnetzspinner in ihrem Leben hörte. 

Drei andere Spinnen saßen in einem finsteren Winkel und mussten hilflos mitansehen, wie eine zusammengerollte Zeitung ihrer Freundin den Garaus machte. 

»Und ich sag noch zu Corinna, Corinna-Schätzchen, sag ich, lauf nicht über den Küchenboden. Auf den weißen Fliesen fällst du sofort auf! Aber nein, Corinna hört natürlich nicht auf mich!«, mokierte sich Cordula Winkelkrabbler und saugte an ihrem Moskito-Mojito. (Ein Moskito-Mojito ist ein beliebter Drink unter Spinnen: Man nehme einen Schuss Soda, einen Löffel Rohrzucker, ein bisschen Limettensaft und einen in Spinnenspeichel aufgelösten Moskito. Mit einem Blatt Minze garnieren, fertig.)

»Ich weiß überhaupt nicht, was die Fleischberge gegen uns haben«, sprach Dietlinde Fadenbeißer. Ihre Kieferklauen bebten vor Entrüstung. »Einerseits schreien sie Zeter und Mordio, wenn eine Fliege in der Küche herumschwirrt und ihre schmutzigen Füße auf den rohen Koteletts abwischt, aber wehe, unsereins spinnt ein Netz in der Küchenecke, dann gute Nacht!«

»Apropos gute Nacht«, schimpfte Arachna Sanchez, »habt ihr schon einmal erlebt, was passiert, wenn auch nur eine kleine Gelse im Schlafzimmer der Fleischberge herumsurrt? Die ganze Nacht können sie nicht schlafen, schimpfen, toben, fuchteln wie wild mit ihren Armen und jammern dann über juckende Gelsenstiche. Dabei müsste das nicht sein. Ein Radnetz im Fenster, ein Trichternetz in einem Winkel, und die Sache wäre erledigt. Nachtruhe gerettet.«

Die beiden anderen Spinnen pflichteten ihr bei. Ein schlürfendes Geräusch signalisierte, dass der Moskito-Mojito fast leer war. Dietlinde Fadenbeißer ergriff wieder das Wort: 

»Dabei halten wir ohnehin schon das meiste Ungeziefer fern. Heimlich, still und leise. Wir machen die ganze Arbeit, aber wehe, man sieht uns dabei. Dann heißt es wieder ›Patsch! Patsch! Patsch!‹ mit der Zeitung!«

»Oder ›Wump! Wump! Wump!‹ mit einem Stiefel«, sagte Cordula Winkelkrabbler betreten.

»Der eine Fleischberg hat mich mal mit einem Trinkglas und einem Untersetzer eingefangen und in den Garten getragen«, gestand Arachna Sanchez. »Wisst ihr, wie lange das gedauert hat, bis ich wieder ins Haus zurückgefunden habe? Dauernd habe ich mich verlaufen, und die Spinnen im Garten sind richtig gruselig. Die Wolfspinnen wollen einen fressen und von den Kreuzspinnen rede ich lieber gar nicht. Da stellt es mir heute noch alle Tasthaare auf, wenn ich dran denke. War ich froh, als ich wieder zu Hause war.« 

Sie unterdrückte ein Schluchzen, während ihre beiden Freundinnen ihr mit den behaarten Beinchen aufmunternd auf den Thorax klopften. Dann schwiegen die Spinnen. Von ihrem Versteck aus beobachteten sie, wie es ihrer Freundin Corinna, oder was halt von ihr übrig war, erging. Mit spitzen Fingern ergriff der Fleischberg ein Stück Karton und versuchte mit angewidertem Gesichtsausdruck, die Überreste der Spinne von der Zeitung in den Ausguss zu schaben. Als ihm das nicht zu seiner Zufriedenheit gelang, steckte er Zeitung, Karton und Spinnenreste in die Ofenklappe des Tischherdes. Und zwar mit weit von sich gestreckten Armen und abgewandtem Gesicht, als könnte die zermatschte Spinne jeden Moment wieder zum Leben erwachen, zu einem drei Meter großen Monster mutieren und furchtbare Rache nehmen.

»Ich glaub, ich spinne. Als ob es nichts Ekelhafteres auf der Welt gäbe als uns«, maulte Dietlinde Fadenbeißer. »Dabei habe ich mal ein Jahr hinterm Spülkasten am Klo gelebt. Was ich da alles gesehen habe …«

»Schwestern, wir sollten uns das nicht länger gefallen lassen. Ich sage, wir streiken!«, rief Cordula Winkelkrabbler.

»Genau! Die Fleischberge sollen mal sehen, wie es ist, ohne uns zurecht zu kommen!«, stimmte Arachna Sanchez zu. 

Die Vorstellung, den Fleischbergen mit einem Spinnenstreik zu zeigen, wer in diesem Haus in Wahrheit die Fäden in der Hand hielt, gefiel den Spinnen. Aufgeregt riefen sie durcheinander:

»Ab heute tun wir keiner Fliege mehr was zu Leide!«

»Gelsen wird Tür und Tor geöffnet!«

»Ein bis zwei Nachtfalter pro Tag im Abendessen werden die Fleischberge schon zum Umdenken bringen!«

»Hurra! Streik! Alle Fliegen brummen laut, wenn die Spinne hier kein Netz mehr baut!«

»Ich sag ̕s den anderen!«

»Ich male ein paar Schilder!«

»Ich mach mir noch einen Moskito-Mojito!«

»Halt! Hört ihr das auch?«, unterbrach Dietlinde Fadenbeißer die allgemeine Jubelstimmung. 

Sämtliche Tasthaare an ihrem Körper vibrierten.

»Was ist das für ein Geräusch?«, fragte Arachna Sanchez.

»Das kommt mir bekannt vor«, überlegte Cordula Winkelkrabbler laut. »So ähnlich hat es geklungen, als ich meinen Beinrich verloren habe. Da sitzen wir nichtsahnend in unserem Netz und schauen fern, als plötzlich ein großes Metallrohr vor unseren Mandibeln auftaucht, das einen Höllenlärm macht und meinen Beinrich verschluckt. Mich hat es nur nicht erwischt, weil das Netz gerissen ist und ich zu Boden gefallen bin. Siebzehn Jahre verheiratet, und dann so was. Wie heißt das grässliche Ding nochmal, das den ganzen Dreck vom Boden zuzelt?«

»Dreckzuzler?«, meinte Arachna Sanchez grinsend. 

Sie fand das Geräusch nicht sonderlich bedrohlich. Sie hatte, bevor sie in dieses Haus verschlagen wurde, viele Wochen in einer Bananenschachtel im Bauch eines Frachtschiffes verbracht und dort weitaus schlimmeren Lärm gehört.

»Ich glaube, das heißt Staubsauger«, gab Dietlinde Fadenbeißer zu bedenken. »Erinnert ihr euch, wie ich euch erzählt habe, dass meine Söhne letzten Monat eingezogen wurden? Ich meinte damit nicht den Militärdienst. Lauft, Schwestern, lauft!«

Doch es war zu spät. Bevor die Spinnen ihre acht Beine in die Hand nehmen konnten, erschien die Metallröhre des Verderbens in ihrem Schlupfwinkel. Vierundzwanzig Augen weiteten sich vor Angst.

Die Freundinnen klammerten sich verzweifelt an ihre Netze, doch der Sog des Staubsaugers riss einfach alles mit: Netze, Spinnen, Moskito-Mojitos. Unbarmherzig und mit ohren- und tasthärchenbetäubendem Getöse. Dann war es wieder still.


 

»Ts,ts,ts!«, sagte eine Spinne in der gegenüberliegenden Ecke und wandte sich ihren beiden Freundinnen zu. »Und ich sag noch zu Cordula, Cordula-Schätzchen, sag ich, bau dein Netz nicht neben den Dunstabzug hin. Das fällt sofort auf! Aber nein, Cordula hört natürlich nicht auf mich!«

Die beiden anderen Spinnen nickten zustimmend. Dann saugten sie wieder an ihren Moskito-Mojitos.

 

 

 

 

Michael Feldhofer braucht nicht unbedingt eine Bio, er darf aber gerne auf Instagram besucht werden, @suenddachserror.

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