henrikfails - Vernissage

Vernissage

von henrikfails

Rafa schlug vor, auf eine Vernissage zu gehen. Das war etwas Neues. 

Normalerweise verbrachten wir unsere Abende in Connys Kneipe und ließen uns von Alkoholikern mit jedihaften Fähigkeiten im Tischfußball demütigen. 

 

In der U-Bahn redeten zwei Jugendliche über Hodenkrebs. Sie kamen überein, dass sie lieber Hodenhochstand hätten. Oder etwas, das man mit Antibiotika behandeln kann. 

 

Warum die Vernissage?

„Man muss auch mal etwas anderes sehen“, sagte Rafa, „man muss den Horizont auch mal erweitern“. Dabei starrte er durch das U-Bahnfenster, hinter dem es, bis auf Schwärze, absolut nichts zu sehen gab.

 

Die Vernissage fand in der Zwischenetage einer U-Bahnstation statt. Es gab Gemälde, graue Wände, eine Ecke, in der Weißwein serviert wurde.

 

Die Leute hier trugen andere Klamotten als in Connys Kneipe. Dort liefen die Leute herum, als ob die morgendliche Kleiderwahl ihnen kein Kopfzerbrechen mehr bereitete. Hier liefen die Leute herum, als wollten sie herumlaufen, wie jemand, dem die morgendliche Kleiderwahl kein Kopfzerbrechen mehr bereitet. 

 

Das Motto der Vernissage lautete frag den Künstler. Ohne, dass sie eine besondere Uniform oder ein Namensschild besessen hätten, erkannte man die Erzeuger der Gemälde sofort. Es mochte an ihrer Aura liegen. Oder, dass sie mit dem Rücken zu ihren Bildern standen.

 

Ich habe wenig Ahnung von Kunst. In der Schule hatte mich meine Kunstlehrerin einmal gefragt, was ich bei einem Picasso empfinden würde. Ratlosigkeit, meinte ich. Dafür bekam ich eine Zwei, weil laut meiner Kunstlehrerin Ratlosigkeit die Grundlage großer Kunst sei. 

 

Falls das stimmte, wurde hier große Kunst ausgestellt. 

 

Wir standen vor Braun. Mir war bis jetzt nicht bewusst gewesen, dass es so viele Brauntöne gab und, dass sie alle auf einem 200 x 200 cm großen Gemälde Platz fanden.

 

Der Maler trug einen voluminösen Bart. Er hätte auch als Ziegenhirte auf einer Alm eine gute Figur gemacht. Vielleicht sollte das der Bart ausdrücken: „Schau her, meine Kompetenz reicht von Kunst bis zur Käseherstellung.“

Neben uns stand Astrid, die sich gerade vorgestellt hatte. 

„I am Astrid from Sweden.“ 

„Peer“, sagte ich.

„Rafael“, sagte Rafa.

„Ah like the ...?“

„Exactly! Like the Ninja Turtle with the Red Bandana. We are from the Sauerland. In English this means Acid Country.“

Astrid hatte meine Hand mitfühlend geschüttelt und ich hatte gedacht, in die könnte man sich verlieben und jetzt da ich neben ihr vor diesem braunen Bild stand, war ich wahrscheinlich schon verliebt.

Ihr Haar war so hell. Es schien, als würde ihre Intelligenz den Kopf zum Leuchten bringen.

Das könnte Probleme verursachen, wenn man gemeinsam die Nächte verbringt. Aber für die Liebe war ich bereit dafür. Beziehungsweise würde ich mir im Notfall halt eine Schlafbrille besorgen. 

„Assoziationen hierzu“, sagte der Bärtige.

Rafa meldete sich: „Eine Schlammschlacht?“

Ich weiß nicht, ob das die richtige Antwort war. Der Bärtige erklärte sein Bild nun mit zehn Wörtern, von denen ich nur ein halbes kannte.

Astrid hing an seinen Lippen. Beziehungsweise hing sie an den Barthaaren, unter denen sich irgendwo höchstwahrscheinlich die Lippen befanden.

Ich zupfte kunstinteressiert an meinem eigenen Vollbart. Gleich darauf bereute ich die Geste. Erstens passte sie eher zu einem Waldorfschullehrer in den Fünfzigern und zweitens hatte Rafa erst gestern meinem Bart die Eigenschaft Bart abgesprochen. „Das ist kein Bart“ hatte er gesagt „das sind nur Haare am Kinn.“

Ich werde mein Leben ändern, dachte ich. Ich werde in ein Land mit problematischem Demokratieverständnis fahren und mir Barthaare verpflanzen lassen.

Der Bart des Künstlers wiegte sich sanft im Luftzug der Klimaanlage. Mir wurde bewusst, dass, selbst wenn ich sämtliche Haare an sämtlichen Körperstellen zusammenraffte, bei mir niemals so ein schöner Bart herauskommen würde.

Der Künstler vergrub die Hände in den Hosentaschen und ging fort. Vielleicht mussten die Ziegen gemolken werden. 

Ich werde nie so ein Künstler sein, dachte ich. Ich werde einer von denen sein, deren Mappe von der Akademie zurückgeschickt wird und nur auf der ersten Seite befindet sich ein Nikotinfleck vom Zeigefinger des Professors. Weil der es nicht für nötig gehalten hatte, weiter zu blättern. 

Rafa holte drei Pappbecher Weißwein. Der Wein besaß die Farbe und Temperatur von Urin. Astrid meinte, wie toll die Kunst hier sei. 

Ich nickte wild. „Erweitert den Horizont.“ Rafa schaute, als ob er sich weit fort wünschte, in Connys Kneipe an den Tischkicker, wo ihm ein lallendener Schnapsler mit Gummihandgelenken die Bälle um die Ohren drosch. 

Aus dem Gemälde nebenan starrte uns ein Mädchen im weißen Rüschenkleid griesgrämig entgegen. 

„Wollt ihr etwas zu dem Bild wissen?“ Der Mann war sehr bleich, trug ein weißes T-Shirt, eine weiße Hose, eine verspiegelte Gletscherbrille.

Warum diese Sonnenbrille, wo es hier doch eher düster war?

Der Mann klopfte mit den Knöcheln gegen die Brillengläser. 

„Ich bin Synästhesist. Ich schmecke Farben. Und ausnahmslos alle schmecken nach Käse.“ Er blickt auf das schlammfarbene Bild nebendran. „Tilsiter“ Er wendete sich zu seinem eigenen Bild.

„Weiß schmeckt höchstens ein bisschen nach Mozzarella.“ 

Mit diesen Worten verschwand er. Ich blinzelte. Hatte er sich in sein Bild materialisiert? Aber einen Moment später entdeckte ich ihn bei der Weißweinbar. Er hatte sich einfach nur die Sonnenbrille abgezogen, worauf er mit seinem Bild quasi verschmolzen war.

 

„What do you think, why is she in just a bad mood? Does she know that she will still exist on this painting when her body is dead for years? Did she want that? Is it a good or bad thing to exist in a painting?“, sagte Astrid.

Das war so ziemlich das Intelligenteste, was zu mir jemals jemand gesagt hatte. Ich versuchte genauso intelligent zu antworten: „Yes“

Astrid nickte gedankenverloren. Und nun ging alles ganz schnell. Sie musste fort. Ich verstand nicht, ob nach Schweden, oder nur zur U-Bahn.

Als sie weg war, schien es, als hätte jemand eine Lampe ausgeschaltet.

Die grauen Wände noch grauer. Das Braun noch brauner. 

Das Mädchen schaute noch übellauniger. 

„Wenn wir jetzt sofort losgehen, kommen wir bei Conny an, wenn noch was los ist,“ sagte Rafa. Scheinbar hatte er es aufgegeben den Horizont erweitern zu wollen. Oder er hatte dort etwas entdeckt, was besser unbekannt geblieben wäre.

Um uns herum ballten sich Menschengruppen zusammen und lösten sich wieder auf, nur wir standen herum, wie zwei Poller, um die das Meer fließt.

 

Ich blickte auf das schlammfarbene Bild, auf das Mädchen im weißen Kleid. Vielleicht lag es am Weißwein, die Bilder überlagerten sich, das Mädchen befand sich im Matsch, das Kleid war plötzlich braun gefleckt, wie nach einer Schlammschlacht. Und da konnte ich Astrids Frage beantworten. 

Wir können nicht in Gemälden existieren, wir sind nicht dazu da auf der Stelle zu verharren. Vielleicht hatte das Mädchen gedacht, dass sie das wirkliche Leben an den Maler verschwendete. Und deswegen so mürrisch geschaut. Weil sie in einem weißen Kleid vor einem Maler sitzen sollte, wo draußen der Matsch war.

Das wusste ich jetzt.

Aber hier war niemand mehr dem ich es erzählen konnte. 

Rafa zeigte zum Ausgang. Ich nickte.

 

 

henrikfails lebt und schreibt in München. Er publizierte Kurzgeschichten in mehreren Literaturzeitschriften und Anthologien, zuletzt in &Radieschen und Schnipsel (https://www.instagram.com/henrikfails/). 2021 nahm er als Finalist am Open Mike teil. 

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