Christin Bonewitz - Gustav

Gustav

von Christin Bonewitz

Gustav liebt Kati. Er liebt sie seit seinem ersten Tag im Kindergarten. „Tante Kati“ wird sie von den Kindern genannt. „Gack!“ wird sie von Gustav genannt. Gustav ist ein Huhn. 

In den Kindergarten gehen zwei Kinder. Timo und Tim. Eigentlich heißt Timo Sven, aber das hätte alle verwirrt, besonders Tante Kati. Sie ist farbenblind und sehr schlecht im Namenmerken. Tim war zuerst im Kindergarten und es dauerte vier Monate bis sie seinen Namen kannte. Deshalb Timo. Ein O mehr, das kann sie, weil das O sieht aus wie der Kreis, den ihr Papa immer auf ihr Nutellabrot gemacht hat. Ja, Nutella aus der Tube, sagt sie dann immer. Ihr Papa wollte ihr so die Buchstaben beibringen. An dem Tag mit dem O ist er aber auf der Tube ausgerutscht und auf den Kopf gefallen. Dadurch wurde er sehr vergesslich und jeder Tag war der Tag mit dem O. Kati hat ganz viele Nutellabrote bekommen und Diabetes. 

Gustav liebt Kati trotzdem. Sie hat ihn als Mitarbeiter im Kindergarten eingestellt.

Ich bin das Begleithuhn für die Kinder. Denkt Gustav. 

Keine Ahnung wo das Huhn herkommt, aber wenn die Kinder mit ihm spielen, kann ich mir ein Nutellabrot machen. Denkt Kati.

Tim und Timo haben im Kindergarten schon viel gelernt. Tim hat gelernt, dass weibliche Hühner auch Gustav heißen können. Tims Vater sagt, er wird den Kindergarten wegen Ideologisierung verklagen. Dieses Wort kennt Tante Kati nicht. Sie geht für eine halbe Stunde mit Tims Vater und einer Tube Nutella in den Schuppen.

Gustav beschäftigt in der Zwischenzeit die Kinder. Tim und Timo sehen sich ein Buch an. Gustav steht daneben und pickt auf die Seiten. 

Etwas später kommt Tante Kati zurück und liest den Titel. „Die Polizei – dein Freund und Helfer“. Auf dem Cover ist ein Polizist. Er winkt mit der roten Seite seiner Kelle. Sie bildet ein großes rotes O im Wort Polizist. Dieser leitet freundlich lachend Kinder über die Straße. Alle Autos warten. Auch sie lachen freundlich. Die Autos lachen in blau, rot und gelb. Für Kati lachen sie in grau, grau und grau. Trotzdem kann sie den Kindern hier etwas Neues erklären. „Bei Rot muss man stehen, bei Grün muss man gehen!“ Sie zeigt auf die rote Kelle.

Tim und Timo haben heute im Kindergarten viel gelernt. Timo hat gelernt, dass die Kinder bei Grün über die Straße gehen dürfen. Grün wie die Kelle vom Polizisten auf dem Buch. 

„Das ist Glück“ denkt Timo. Denn heute soll er alleine nach Hause über die Straße gehen. 

Gustav liebt Kati. Er weiß, dass man frei lassen soll, was man liebt. Deshalb ist er Kati auch nicht böse, wenn sie im Schuppen mit anderen Nutella nascht. 

„Wenn ich mit Timo mitgehe, sieht Kati mein Verantwortungsbewusstsein.“ denkt Gustav. 

„Habe ich den Schuppen hinter Tims Vater gut abgeschlossen?“ Denkt Kati.

Timo freut sich, dass Gustav ihn begleitet. Er will mit ihm die Ampel üben. Die Ampel ist jetzt so grün wie die Kelle vom Polizisten auf dem Buch. Gar nicht.

„Gustav, du kannst jetzt über die Straße gehen!“ ruft Timo. 

Gustav sieht als Huhn weitaus mehr Farben als ein Kind. Er kann sogar ultraviolettes Licht von normalem Licht unterscheiden. Trotzdem hat er nie gelernt, dass das leuchtend rote Männchen in der Ampel steht und nicht geht.

Während Gustav losläuft, kommt ein echter Polizist zu Timo. Wie der Polizist im Buch hat auch er eine Kelle. 

„Warum läuft das Huhn über die Straße?“ er winkt mit seiner grünen Kelle einem grauen Auto zu, damit es stehen bleibt. 

„Damit es auf die andere Seite kommt.“ Timo hat Angst. 

„Aber die Ampel ist rot!“ 

Der Polizist heißt Konrad und hat auch Angst. Nicht nur jetzt, sondern eigentlich immer. Konrad hat jedoch von seinem Vater gelernt, dass Männer keine Angst haben. Das hat ihn verwirrt und er wurde Polizist. Als Polizist gibt es jeden Tag etwas Neues. Heute gibt es ein Huhn auf der Straße. 

„Stopp!“ ruft er und Gustav bleibt mitten auf der Straße stehen. 

Zum Glück weiß Konrad, was richtig ist. Rote und grüne Männchen stehen und gehen in der Ampel, weiße Männchen gehen über die Ampel. Weiße Hühner gehen in den Hühnerstall oder in die Pfanne. Dieses Huhn soll erst einmal von der Straße weg gehen und das notfalls mit Gewalt. Konrad geht auf die Straße, geht zu Gustav, sieht nicht die rote Ampel, sieht nicht das rote Auto, sieht nicht mehr sein rotes Blut auf Straße, Gehweg und Gustav spritzen.

„Huch“ denkt Gustav

Timo hat heute nach dem Kindergarten viel gelernt. Er hat gelernt, dass Hühner im Notfall fliegen können. 

Gustav könnte sogar noch weiterfliegen, würden seine Flügel nicht so sehr kleben. 

„Hoffentlich sieht mich Kati so nicht.“ denkt Gustav. Trotzdem muss er Timo zurück in den Kindergarten bringen, denn die Straße ist jetzt gesperrt. 

Kati ist noch im Kindergarten. Ihre Hände sind braun. Die Tür vom Schuppen steht offen und Kati gräbt den Garten um.

Timo ruft: „Guck, Tante Kati, das Huhn ist jetzt ganz rot!“. 

Gustav ist stolz. Dank ihm kann Timo die Farben endlich richtig. 

 

 

 

 

Im Thüringer Wald geboren, überstand Christin Bonewitz den Kindergarten ohne Begleithuhn und lebt inzwischen in Jena mit einer nervigen Biene auf dem Balkon. Wenn sie nicht gerade Pflanzen anbaut, arbeitet oder in Magic gewinnt, schreibt sie ab und zu auch Geschichten. 

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